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„Der Beweis“ von Ágota Kristóf

21 Nov

beweisDie Handlung von „Der Beweis“ setzt genau am Ende von „Das große Heft“ ein, dem ersten Buch der Ungarin Ágota Kristóf, die im Jahr 1956 vor dem Ungarischen Volksaufstand (und vor allem dessen gewaltsamer Niederschlagung durch die sowjetische Armee) in die Schweiz floh. Hier habe ich bereits über „Das große Heft“ geschrieben.

Lucas kehrt zurück in das Haus seiner Großmutter, in dem er zusammen mit seinem Zwillingsbruder Claus gelebt hat, seit die beiden 9 Jahre alt waren. Er vegetiert vor sich hin, vergisst sich um Garten und Haushalt zu kümmern, bis ein befreundeter Bauer ihn besucht und ihm hilft, wieder zu sich zu kommen. Im Laufe des Romans nimmt Lucas eine junge Mutter und ihr aus einer inzestuösen Beziehung mit ihrem Vater geborenes Kind bei sich auf. Als die Mutter verschwindet, kümmert sich Lucas um das verkrüppelte, aber höchst intelligente Kind, als wäre es sein eigenes. Zugleich besucht er aber auch jeden Abend den alten Pfarrer der Stadt und spielt mit ihm Schach, betrinkt sich in Kneipen und stellt der Bibliothekarin Clara nach. Es wird bald klar, dass Lucas nach seiner lieblosen Kindheit auf der Suche nach Zuneigung ist.

Im Unterschied zu „Das große Heft“ werden in „Der Beweis“ Namens- und Altersangaben gemacht. Nur die vorkommenden Städte und Länder werden nicht beim Namen genannt. Durch die Herkunft und die Biographie der Autorin ist allerdings klar, dass die Geschichte in einer ungarischen Stadt in der Nähe der österreichischen Grenze spielt, und zwar nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch der Volksaufstand und seine Niederschlagung im Jahr 1956 werden thematisiert. Die gesamte Stimmung im Buch ist geprägt von der Nachkriegszeit, überall herrscht Angst und Mittellosigkeit.

Die Sprache von „Der Beweis“ ist ausgefeilter und nicht mehr so simpel gehalten wie in der Vorgeschichte. Am Ende kommt Claus zurück in die Stadt und sucht seinen Zwillingsbruder. Dabei wird angedeutet, dass „Der Beweis“ – ebenso wie „Das große Heft“ – vom Protagonisten selbst niedergeschrieben wurde. Allerdings verschwimmen die Realität und die Vorstellung der beiden Brüder in dem Punkt, dass nicht klar ist, ob der andere überhaupt existiert.

Ich war zeitweise gefesselt von der Geschichte, die „Der Beweis“ erzählt, war an einer Stelle schockiert und den Tränen nah, fand das Ende allerdings ein wenig verwirrend. Was mich zudem ein wenig wunderte, war, dass aus dem gefühlskalten Lucas aus „Das große Heft“ ein mitfühlender Mensch geworden ist, ohne dass er eine merkliche Entwicklung dahin durchgemacht hätte. Da „Der Beweis“ der zweite Teil einer Trilogie ist, werde ich in den nächsten Tagen auch „Die dritte Lüge“ lesen und hier davon berichten.

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„Das große Heft“ von Ágota Kristóf

11 Nov

dasgrosseheftLetzter Woche hörte ich in der Sendung „Filme der Woche“ bei Deutschlandradio Kultur von einem ungarischen Film, der Ende der letzten Woche ins Kino kam. Er heißt „Das große Heft“ und basiert auf einem Roman der Ungarin Ágota Kristóf. Weil ich die Handlungsbeschreibung interessant fand, habe ich mir am Freitag kurzerhand das Buch aus der Bibliothek ausgeliehen. Ich war allerdings überrascht, als auf dem Titelblatt gelesen habe, dass das Buch aus dem Französischen und nicht aus dem Ungarischen übersetzt wurde. Das liegt daran, dass Ágota Kristóf im Jahr 1956 aus Ungarn geflohen und in die Schweiz immigriert ist. „Le grand cahier“, so der Originaltitel von „Das große Heft“, erschien 1986 und wurde in französischer Sprache geschrieben.

„Das große Heft“ erzählt von zwei kleinen Jungen, Zwillingen, die von ihrer Mutter bei deren Mutter gelassen werden, damit sich diese um sie kümmert, während ein Krieg tobt. Die Großmutter hat ihre Enkel noch nie gesehen und hat ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Tochter, nimmt aber die Kinder bei sich auf, lässt sie in der kalten Küche auf einer Holzbank schlafen und den ganzen Tag im Garten und im Haushalt schuften. Die Kinder härten sich im Laufe der Zeit immer mehr gegen die äußeren Umstände ab, indem sie sich gegenseitig schlagen und beleidigen, sich blind und taub stellen oder hungern. Sie beginnen, Tiere umzubringen und verschaffen sich durch ihre Gefühllosigkeit Respekt bei den Menschen des Dorfes.

In das titelgebende „große Heft“ schreiben die Zwillinge in nüchterner Sprache auf, was sie erleben; diese kurzen Aufsätze stellen dann die rund 2 bis 4 Seiten langen Kapitel des Buches dar. In der Geschichte gibt es keine Namen, die Städte werden „Große Stadt“ und „Kleine Stadt“ genannt, die Nachbarin „Hasenscharte“, ansonsten alle Personen bei ihrem Beruf. Es ist nicht klar, wie alt die Zwillinge sind, aus kleinen Hinweisen lässt sich schließen, dass sie um die 10 Jahre alt sind. Der Krieg ist der Zweite Weltkrieg, das Land ist Ungarn, das Nachbarland Österreich, die Bösen sind die Deutschen, die vermeintlich Guten die Russen.

Die Sprache transportiert sehr radikal die Härte des Lebens, das die Zwillinge durch den Krieg führen müssen, wobei dadurch allerdings eine für meinen Geschmack zu große Distanz zum Leser entsteht. Außerdem gibt es einige Szenen im Buch, die schockieren sollen, aber nichts zur Handlung beitragen (Stichwort Sodomie). Insgesamt bringt „Das große Heft“ aber sehr zum Nachdenken und wird gegen Ende hin immer gnadenloser – vor allem, wenn die Zwillinge erst ihre Mutter und dann ihren Vater wiedersehen. Das Buch ist übrigens Teil einer Trilogie (es folgen noch „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“), die das Leben der Zwillinge verfolgt. Und ich mache mich jetzt auf den Weg, um mir die anderen beiden Bücher auszuleihen.

„Tabu“ von Ferdinand von Schirach

20 Okt

schirach_tabuIch bin ein großer Verehrer der literarischen Werke von Ferdinand von Schirach. Als vor zwei Jahren mit „Der Fall Collini“ sein erster Roman erschien, las ich bei der Gelegenheit gleich seine beiden Story-Sammlungen „Verbrechen“ und „Schuld“ zum wiederholten Mal. Entsprechend freute es mich, dass vor Kurzem mit „Tabu“ ein neuer Roman des langjährigen Strafverteidigers erschien.

In „Tabu“ geht es um Sebastian von Eschburg, den vernachlässigten und emotional abgestumpften Spross verarmten Adels. In der ersten Hälfte des Romans wird sein Werdegang vom Internatsschüler zum gefeierten Fotografen beschrieben, sein Versuch, mit der PR-Managerin Sofia eine Beziehung einzugehen, die Annäherung an seine geheimisvolle Nachbarin Senja, seine immer herausfordernden Fotoarbeiten. In der zweiten Hälfte dann sitzt er in Untersuchungshaft wegen eines Mordes, den er zwar gestanden hat, bei dem es aber keine Leiche und auch sonst nur sehr wenige Beweise für seine eventuelle Schuld gibt. Der an Burn-Out leidende Anwalt Konrad Biegler wird hinzugezogen, für den es jedoch zunächst um die Frage geht, ob von Eschburg bei seinem Geständnis Folter angedroht wurde.

Ferdinand von Schirach hat einen Schreibstil, den ich sehr mag. Die Sätze sind einfach, nicht ausgeschmückt und bringen das auf den Punkt, was sie sagen wollen. Im Grunde ist „Tabu“ eine lange Kurzgeschichte. Beziehungsweise mehrere hintereinander, eine für jeden Lebensabschnitt von Eschburgs. Auch wenn es einige Ungereimtheiten im Handlungsverlauf gibt, auch wenn manche Taten der Figuren nicht direkt nachvollziehbar sind, so mochte ich das Buch von vorne bis hinten. Dabei habe ich mir auch keine großen Gedanken über den programmatischen Titel gemacht, da es schließlich für jeden Leser unterschiedlich sein kann, was genau an „Tabu“ tabu ist und was nicht. Beeindruckend fand ich, dass am Schluss des Buches bemerkt wird, dass die Handlung auf wahren Begebenheiten beruht – wenngleich dies sofort wieder relativiert wird. Auch angesichts dessen, dass man „Tabu“ aufgrund seiner moderaten Länge recht schnell gelesen hat, soll es von mir unbedingt empfohlen sein.

„Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Beckers (Ghost-)Writer

18 Okt

BB_LebenAls in den letzten Tagen mit Frankfurter Buchmesse und Nobelpreisträgerin-Verkündung die große Literatur gefeiert wurde, suchte ich mir – quasi zum Abkühlen bei so viel Schreibkunst – ein Druckerzeugnis am anderen Ende der Skala und lieh mir „Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Becker und seinem „Co“-Autor Christian Schommers aus. Medial wurde dieses Buch ja im Vorfeld massiv begleitet, und so verrieten die Schlagzeilen vor Veröffentlichung bereits, worum es gehen sollte.

Mit seinem dritten Buch hat sich Boris Becker, einst Tennislegende, mittlerweile vor allem gealtertes Abziehbild einer solchen, vorgenommen, über sein Leben nach dem Tennis reinen Tisch zu machen und wirklich alles zu erzählen. Da wird nacheinander über die Zeit mit seinen Ex-Partnerinnen Barbara, Caroline und Sandy berichtet, dann über seine jetzige Ehefrau Sharlely, über sein Affärenkind Anna, seine Tätigkeit als Geschäftsmann und zum Schluss über den Stellenwert des Tennis in Deutschland sowie die gesundheitlichen Nachwirkungen seiner Karriere. Aus Versehen wurde dabei das falsche Inhaltsverzeichnis an den Anfang gedruckt, denn eigentlich hätte es wie folgt aussehen müssen:

  1. Dem armen Boris wird von seiner Frau eine Szene gemacht, nachdem er sie, als sie schwanger war, betrogen und dabei ein Kind gezeugt hat
  2.  In einem Interview macht Becker-Sohn Noah Werbung für sein Mode-Label und seine kommende musikalische Veröffentlichung
  3. Boris hat ganz schön viel Geld und kann sich die vielen Restaurants und Club merken, in denen er vor vielen Jahren gegessen und getanzt hat
  4. Der arme Boris wird von der Tochter eines ehemaligen Geschäftspartners, die er kennt, seit sie ein Kind ist, dafür ausgenutzt, ihr Karriere als Schmuckdesignerin anzukurbeln
  5. Boris lernt seine spätere zweite Frau kennen und weiß immer noch alle Namen sämtlicher involvierter Clubs, Restaurants und Hotels, die aber kein bisschen relevant für die Geschichte sind
  6. In einem Interview erzählt Boris‘ Ehefrau die gleiche Geschichte noch mal, die es schon in aller Länge im Kapitel zuvor zu lesen gab
  7. DAS große Thema, weswegen sich wohl die meisten Leser für das Buch interessieren: das Affärenkind. Allerdings hier nicht so viele Enthüllungen, man will ja die Privatsphäre schützen
  8. Boris legt seine gesamten geschäftlichen Tätigkeiten offen: 3 Autohäuser, Werbung. Was vergessen? Ach ja, internationales Netzwerk und Geheule, dass „die Marke Boris Becker“ in Deutschland nicht mehr so hoch geschätzt wird wie beispielsweise im tollen England. Dazu immer schön die Werbepartner erwähnen
  9. Zum Runterkommen mal ein langweiliges Kapitel einstreuen, über eine Finca auf Mallorca. Viel Amtsdeutsch benutzen, wirkt schlau
  10. Obligatorisches Kapitel zum Thema Tennis. Die Legende erzählt, wie’s gemacht wird, damit Deutschland bald wieder einen Boris Becker feiern kann
  11. Noch kurz ein paar Verletzungen aufzählen, mit denen der millionenschwere Herr Becker sich nach seiner preisgeldreichen Karriere rumschlagen muss
  12. Schnell noch ein „Becker-Lexikon“, aber keine Angst: Hat nur 6 Einträge
  13. Autor und Autor sagen allen „Danke!“, die sie kennen
  14. Bildteil, nachdem schon im Buch selbst auf jeder zweiten Seite ein Bild zu sehen ist
  15. Zum Beweis, dass da ganz schön viele Namen in dem Buch erwähnt wurden, zum Abschluss ein Index

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit der Kritik an diesem Buch. Grundsätzlich: Es ist einfach nur schlecht. Es ist demnächst unaktuell (weil dauernd Zeitangaben gemacht werden, die sich auf „dieses Jahr“ oder „nächstes Jahr“ beziehen), es ist faktisch falsch (Deutschland ist nicht U17-, U19- und U21-Weltmeister im Fußball geworden), es ist unlogisch („Becker-Hecht: […] Dabei, so belegen es Fotos aus dieser Zeit, hob Becker die Schwerkraft förmlich auf und lag, in ganzer Körperlänge, voll in der Luft.“ – wirklich? Er liegt auf einem Foto in der Luft? Oder hat nicht vielleicht ein Fotograf zur rechten Zeit auf den Auslöser gedrückt?). Es ist das Transkript eines dümmlichen Dialogs zwischen Becker und Thomas Gottschalk bei „Wetten dass…?“ enthalten, als ersterer die Verlobung mit seiner jetzigen Frau bekanntgab, ein englisches Zitat, das nicht für Nicht-Englischsprecher übersetzt wurde, eine total bescheuerte Interview-Frage an Sharlely Becker („Lilly, Sie haben einige Tattoos. Was ’sticht‘ dahinter?“) und die überraschende Feststellung, dass Becker bei seiner Trauung gut angezogen war („Alle trugen wir feinsten Zwirn.“). Dazu kommen passagenweise simpel gestrickte Sätze, und das, obwohl Becker das Buch offensichtlich nicht selbst geschrieben, sondern eine boulevard-erprobten Co-Autor beauftragt hat.

Ich kann gar nicht mehr aufhören, das aufzulisten, was schrecklich an diesem Buch ist, und weit mehr als einmal musste ich mir vor Fremdschämen die Hand an die Stirn schlagen. Das Problem ist: Als alter Sport- und vor allem Tennisfan mochte ich Boris Becker lange für das, was er für den deutschen Tennis getan hat (auch wenn ich eher mit Karsten Braasch gehalten habe). Wohl deshalb habe ich das Buch überhaupt zu lesen begonnen. Seit einiger Zeit zerstört Becker aber dieses Denkmal mit aller Gewalt. Seine schwangere Frau betrügen, sich permanent von Frauen ausnutzen lassen, dauernd wegen Nichtigkeiten in den Medien erscheinen – so sieht Becker heute aus. Dazu kommt eine ekelhafte Arroganz, die kaum zu ertragen ist. Natürlich, Becker war mal die Nummer 1 im Herrentennis und hat viele Turniere gewonnen. Aber das haben viele andere auch und bilden nicht nicht viele Jahre danach so viel darauf ein.

Das Schlimmste ist, dass Menschen dieses Buch kaufen und sich Erkenntnisse über Boris Becker erhoffen, die es aber nicht darin zu lesen gibt. Stattdessen ist es eine reine Zeitverschwendung, die Weisheiten eines Mannes zu konsumieren, der gar keine hat, und über eine Erfolgsgeschichte zu lesen, die vor vielen Jahren geendet hat und seitdem künstlich in die Länge gezogen wird. Wenn man mich fragt: Becker muss sich – nicht zuletzt wegen dieses Buches – nicht wundern, dass er in Deutschland nicht mehr beliebt ist – auch wenn er natürlich eine ganz andere Erklärung dafür hat. Stichwort: Die bösen Anderen sind schuld.

Meine 12 Lieblingsbücher

18 Sep

Die Bücherphilosophin hat dieser Tage eine großartige Aktion gestartet, an der ich sehr gerne teilnehmen möchte. Die Aktion heißt „Die Lieblingsbücher-Challenge“, und es geht darum, ab Oktober über ein Jahr verteilt die eigenen 12 Lieblingsbücher noch einmal zu lesen. Für mich ist diese Herausforderung aus dreierlei Hinsicht interessant.

Zum einen werde ich durch sie „gezwungen“, endlich mal wieder zu lesen. Ich habe nämlich die dumme Befürchtung, dass ich in diesem Jahr noch kein einziges Buch beendet habe. Natürlich, ich habe viel Zeit mit meiner Tochter verbracht, habe selbst ein E-Book („Emma“) geschrieben, aber ich habe auch sehr viele Episoden von Serien geschaut, als ich genauso gut auch hätte lesen können. Ergo: Wieder mehr lesen!

Zum anderen kann ich mir so Gedanken darüber machen, welche Bücher ich eigentlich als meine Lieblingsbücher bezeichnen würde. Auf Anhieb würden mir um die 6 Bücher einfallen, aber um auf 12 zu kommen, muss ich erst mein „Leseleben“ Revue passieren lassen. Und das wird mir viel Spaß machen, das weiß ich schon jetzt.

Dazu kommt, dass ich (analog zur aktuell etwas ins Stocken geratenen Aktion Hundert Helden) auf meinem Blog eine neue Kategorie starten kann: Meine 12 Lieblingsbücher. Teil der Challenge ist nämlich, dass man die gelesenen Bücher dann auch rezensiert.

So sieht übrigens das Logo der Aktion aus:

[Buch] „Er ist wieder da“ von Timur Vermes

4 Jan

VermesIch habe endlich mal wieder ein Buch beendet, und zwar das viel diskutierte Was-wäre-wenn-Buch des halb-ungarischen Autoren Timur Vermes. Es geht darum, dass Adolf Hitler im Jahr 2011 aus unerfindlichen Gründen auf einem verlassenen Grundstück in Berlin aufwacht. Er findet Unterschlupf bei einem Kioskbesitzer, der ihn mit Fernsehproduzenten bekannt macht, die ihn als Comedy-Figur groß rausbringen wollen. Dabei kommt es immer wieder zu Missverständnissen und komischen Situationen, weil seine Umwelt Hitler für einen Schauspieler hält (und von seiner „Echtheit“ beeindruckt ist), während er hingegen alles, was er sagt, auch so meint. Erzählt wird das ganze aus der Ich-Perspektive von Hitler, der selbstverständlich auch zu allem, was ihm in der modernen Welt begenet (Smartphones, „Internetz“, Fernseh-Talkshows usw.), seinen Kommentar abgibt.

„Er ist wieder da“ löste mal wieder die Kontroverse aus, ob man über Hitler und Nazis Witze machen darf. Es sind auch wirklich ein paar herbe Späße im Buch enthalten, bei denen sich der Autor allerdings immer gut darauf herausreden kann, um wen es sich bei seinem Protagonisten handelt. Gleiches gilt für diverse Seitenhiebe in Richtung Medienzirkus, BILD-Zeitung, Politik und Oktoberfest, um nur einige der von Hitler attackierten Ziele zu nennen. Noch dazu ist Hitlers Duktus äußerst gut getroffen, nicht nur was die Wortwahl, sondern auch die Satzstruktur angeht. Aber ich fand, dass das nach einer Weile recht nervig wird, noch dazu deswegen, weil es kaum eine erzählenswerte Handlung gibt. Ich bin der Meinung, dass man gerne mal reinlesen kann, aber beenden muss man das Buch nicht unbedingt, weil irgendwann nicht mehr viel Neues passiert und zumindest ich mich dann bis zum Ende durchquälen musste.

[Buch] „Finsterau“ von Andrea Maria Schenkel

30 Jun

Ich habe mir neulich mal die Minute Zeit genommen, um die neue Broschüre das neue Buch von Andrea Maria Schenkel zu lesen, der Autorin des so grandiosen „Tannöd“. Genau wie in diesem geht es in „Finsterau“ um einen historischen Kriminalfall in einem Dorf in Bayern.

Es ist 1947, die Bauerntochter Afra kehrt in ihr Elternhaus zurück, das sie wenige Jahre zuvor erst verlassen hat. Sie ist schwanger von einem Franzosen, ihre Eltern nehmen sie wieder auf, sind sich aber der Schande des unehelichen Kindes ihrer Tochter durchaus bewusst. Wenig später wird Afra brutal umgebracht, ihr 2-jähriger Sohn Albert schwer verletzt. Der Verdacht fällt sofort auf den immer seltsamer werdenden Vater von Afra, auch weil es keine weiteren Verdächtigen gibt.

Zunächst – es kann sein, dass ich es eingangs angedeutet habe – ist das Buch unglaublich kurz und rasend schnell durchgelesen. Dementsprechend sind auch die einzelnen Kapitel knapp gehalten; sie beschreiben Szenen aus der Perspektive von wechselnden Personen und springen dabei auch gerne in der Zeit vor und zurück. „Tannöd“ hat es im Prinzip genauso gemacht, aber dort war die Handlung verdichtet, mysteriös und bedrohlich. In „Finsterau“ zeichnet die knappe Sprache nicht mehr als grob umrissene Skizzen von Personen und Handlungsorten, Situationen und der gesamte Fall klären sich viel zu schnell und zu unspektakulär. Dazu kommen die für einen Nicht-Bayern seltsam wirkenden dialektalen Vokabeln, die aus „Finsterau“ nichts besseres machen als einen der vielen gerade so beliebten Regionalkrimis. Für eine Lektüre zwischendurch eignet sich das Buch durchaus, man sollte allerdings nicht zu viel erwarten.