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Stilist vs. Fantast

29 Feb

Wie so viele Leute, die gerne lesen und auch gerne mal was schreiben (Blogs, Briefe oder – in meinem Fall – Magazinartikel), nehme ich mir schon seit geraumer Zeit vor, ein Buch zu schreiben. So geraum ist die Zeit mittlerweile, dass sie eine zweistellige Jahreszahl erreicht hat. Neulich Nacht, als das mit dem Schlafen mal wieder nicht so besonders gut klappen wollte, habe ich mir mal Gedanken zum Thema gemacht.

Meiner Meinung nach kann man Autoren in drei Kategorien einteilen: Stilisten und Fantasten – und die, die beides gleichzeitig sind. Ein Stilist ist jemand, der großartig schreiben kann, eine elegante und eloquente Wortwahl hat, feine Satzkonstruktionen zu Papier bringt und einfach die Sprache beherrscht, derer er sich bedient; die Story ist bei ihm eher im Hintergrund. Ein Fantast hingegen schafft Welten, in denen man sich verlieren und dabei vergessen kann, dass es „nur“ ein Buch ist, in das man so derart gesogen wird. Bei ihm geht es dann weniger um die Sprache. Um mal ein paar Beispiele zu nennen: Stephen King und Cornelia Funke sind für mich Fantasten, Ferdinand von Schirach mit seinem Roman „Der Fall Collini“ und Friedrich Dürrenmatt mit „Das Versprechen“ sind Stilisten. Meine große Verehrung gilt vor allem den Autoren, die Fantasie und Stil in ihren Publikationen vereinen. Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ gehört dazu, „Das Parfüm“ von Patrick Süßkind ebenso, außerdem so vieles von Alex Capus.

Ich habe die Befürchtung, dass ich eher ein Stilist wäre, weil ich bestimmt nicht genug Fantasie und Ideen habe, etwas zu schaffen, was es in dieser Form noch nicht gibt – das muss ja keine eigene Welt sein, es täte ja auch eine einzigartige Story oder atemberaubende Wendungen. Natürlich, Sprache kann auch den Atem rauben, und ein unverwechselbarer Erzählstil täte es auch. Aber erstrebenswert wäre es doch, Stilist und Fantast gleichzeitig zu sein.

[Buch] „Fast ein bisschen Frühling“ von Alex Capus

15 Jan

Dieses Buch ist auch schon wieder eine Weile her – ich nenne es ehrfürchtig meine Vor-Kindle-Zeit (alternativ Papier-Buch-Zeit). Ich bin auf den Autoren durch den Bestseller „Léon und Luise“ aufmerksam geworden, und da es diesen in der Bibliothek nicht gab, nahm ich eben „Fast ein bisschen Frühling“ mit.

Im Buch geht es um Kurt Sandweg und Waldemar Velte, die im Deutschland der Nationalsozialisten eine Bank überfallen und dabei versehentlich einen Mord begehen. Sie fliehen nach Basel, wo sie in ein Kaufhaus gehen und in der Musikabteilung eine Tango-Schallplatte kaufen. Einer der beiden verliebt sich in die Verkäuferin, und die beiden bleiben in Basel. Als das Geld ausgeht, gehen sie auch hier auf Beutezug.

Das Besondere an „Fast ein bisschen Frühling“ ist seine wahre Grundlage. Auch wenn es sich wie ein gut erdachter Roman liest, basiert das Buch auf einem wahren Fall. Kommt dazu, dass Capus‘ Großmutter eine Freundin der Schallplattenverkäuferin war und den Bankräubern somit persönlich begegnete. Alex Capus schafft es also, einen Tatsachenbericht wie einen Roman zu verpacken, wobei ihm der dankbare Stoff sehr entgegenkommt. Außerdem bedient sich Capus einer klaren und schönen Sprache.

Was mir noch dazu gefiel, war die Veröffentlichung von „Was seither geschah“, dem Nachtrag zu „Fast ein bisschen Frühling“. Hier finden sich einige Anekdoten, zum Beispiel aus Capus‘ Lesereise, bei der mehrere ältere Damen aus dem Publikum aufstanden und behaupteten, die Schallplattenverkäuferin aus dem Buch zu sein (die damals unauffindbar verschwand). Außerdem sind Bilder von Sandweg und Velte abgedruckt, was dem eigentlichen Buch nachträglich einen gewissen Grusel gibt (Die beiden gab es ja wirklich!), und eine Mini-CD mit zeitgenössischer Tango-Musik liegt auch bei. Eine sehr nette Idee.