Scheck und Schirach

5 Nov

Eigentlich mag ich Denis Scheck. Oder besser: Ich mag seine Literatursendung „Druckfrisch“. Wer sie nicht kennt: „Druckfrisch“ kommt meist am letzten Sonntag eines Monats eine halbe Stunde vor Mitternacht in der ARD und beinhaltet hauptsächlich Interviews, die der moderierende Literaturkritiker Denis Scheck mit mehr oder weniger bekannten Autoren führt. Ein festes Element sind außerdem die Vorstellung eines Buches zu Beginn und die Kritik an den 10 Büchern, die sich zum Zeitpunkt der Ausstrahlung an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste befinden. In manchen Sendungen begibt sich Scheck auch in eine Buchhandlung und empfiehlt dort Menschen Bücher (was er aber meiner Meinung nach selten zu den Lese-Vorlieben besagter Menschen passend tut).

Ich habe „Druckfrisch“ als Video-Podcast abonniert, was es mir ermöglicht, bestimmte Inhalte zu überspringen. In letzter Zeit tue ich dies immer öfter mit den Interviews, weil ich Schecks Art, mit den Menschen zu reden, zunehmend anstrengend finde, da er vor allem oft ins Wort fällt und unterbricht. Somit bleibt für mich nicht mehr viel von der Sendung übrig. Von jeher mag ich aber die Kritik an der Bestsellerliste, bei der Scheck in einer Lagerhalle steht und (seiner Meinung nach) schlechte Bücher über ein Förderband in eine Kiste rutschen lässt. Und mit der Wortgruppe, die ich im vorherigen Satz in Klammern geschrieben habe, hat die nun folgende Meinungsäußerung zu tun.

In der letzten Sendung (der vom 27. Oktober) kam es dazu, dass Scheck seine Meinung über Ferdinand von Schirachs Buch „Tabu“ kundtat, welches sich auf dem 5. Platz der Bestsellerliste befand (meine Meinung zu „Tabu“ gibt es hier). Und diese Meinung sah so aus (in Videoform auch hier):

„Pimp my Krimi“ ist die Devise von Ferdinand von Schirach. Nun hat er einen mit Fragen wie „Was ist Schuld?“ aufgebrezelten Künstlerroman geschrieben, mit brutalen Stiefvätern, die wehrlosen Katzen in den Bauch treten, mysteriösen Halbschwestern und Pornoproduzenten, deren Filme „Venus im Spermabad“ heißen. Manche Menschen verwechseln diese karge Hauptsatzprosa, die sich an den Wonnen des Boulevards von Mord, Totschlag und in Rohrreiniger aufgelösten Babyleichen aufgeilt, mit Literatur. Das ist ein Irrtum.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass meiner Meinung nach die Bücher von Ferdinand von Schirach gerade wegen ihrer „kargen Hauptsatzprosa“ zum besten gehören, was es zur Zeit auf Deutsch zu lesen gibt, aber ich finde, dass sich Scheck mit seiner Kritik ein ordentliches Stück zu weit aus dem Fenster lehnt. Mal abgesehen davon, dass er in die 35 Sekunden, in denen er über das Buch spricht, gleich zwei inhaltliche Fehler einbaut (der „Stiefvater“ ist der Vater, sonst gäbe es auch keine Halbschwester; „Babyleichen“ werden ganz sicher im Buch nicht aufgelöst, weil keine Babys sterben), finde ich es anmaßend, zu behaupten, dass etwa keine Literatur ist, nur weil es dem feinen Herrn Kritiker nicht gefällt. Aber vielleicht hatte Scheck auch einen schlechten Tag, denn gleich im Anschluss an die „Besprechung“ von „Tabu“ verreißt er „Das Ungeheuer“ von Terézia Mora, und das hat immerhin den Deutschen Buchpreis gewonnen.

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4 Antworten to “Scheck und Schirach”

  1. DerSinn 5. November 2013 um 15:53 #

    Ich habe zwar Schirachs Buch nicht gelesen, aber die Süffisanz in Schecks Rezension regt mich auch so schon genug auf.

    Der Trivialroman mag seine Sache nicht sein, ein derart pauschalierendes Urteil über den »Boulevard« stünde ihm aber nicht einmal dann zu, wenn er mit seinem Urteil recht behielte.

    • Alex 7. November 2013 um 09:59 #

      Dann will ich dir zunächst mal Schirach als Lektüre empfehlen. 🙂
      Ich weiß nicht, ob ich die Kritik an „Tabu“ zu sehr durch eine „Fanboy-Brille“ sehe, aber im Normalfall finde es ich es eigentlich recht lustig, wenn Scheck sich über „House of Night“ und Konsorten aufregt.

  2. Miss Booleana 5. November 2013 um 20:41 #

    Am Anfang des Beitrags dachte ich noch: Gut, dass Alex drauf hinweist. Hätte ich sonst nicht mitbekommen (warum zeigt man Literatursendungen zu so unchristlichen Zeiten?) und dann kann ich endliiiich mal eine Literatursendung schauen.
    Naja. Der Rest klingt so, als ob er einfach nur versucht möglichst gemein zu sein XD

    • Alex 7. November 2013 um 10:00 #

      Ich verstehe auch nicht, wieso die Sendung so gut versteckt wird. Aber dafür gibt’s ja Internet und Podcasts. 🙂

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