„Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Beckers (Ghost-)Writer

18 Okt

BB_LebenAls in den letzten Tagen mit Frankfurter Buchmesse und Nobelpreisträgerin-Verkündung die große Literatur gefeiert wurde, suchte ich mir – quasi zum Abkühlen bei so viel Schreibkunst – ein Druckerzeugnis am anderen Ende der Skala und lieh mir „Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Becker und seinem „Co“-Autor Christian Schommers aus. Medial wurde dieses Buch ja im Vorfeld massiv begleitet, und so verrieten die Schlagzeilen vor Veröffentlichung bereits, worum es gehen sollte.

Mit seinem dritten Buch hat sich Boris Becker, einst Tennislegende, mittlerweile vor allem gealtertes Abziehbild einer solchen, vorgenommen, über sein Leben nach dem Tennis reinen Tisch zu machen und wirklich alles zu erzählen. Da wird nacheinander über die Zeit mit seinen Ex-Partnerinnen Barbara, Caroline und Sandy berichtet, dann über seine jetzige Ehefrau Sharlely, über sein Affärenkind Anna, seine Tätigkeit als Geschäftsmann und zum Schluss über den Stellenwert des Tennis in Deutschland sowie die gesundheitlichen Nachwirkungen seiner Karriere. Aus Versehen wurde dabei das falsche Inhaltsverzeichnis an den Anfang gedruckt, denn eigentlich hätte es wie folgt aussehen müssen:

  1. Dem armen Boris wird von seiner Frau eine Szene gemacht, nachdem er sie, als sie schwanger war, betrogen und dabei ein Kind gezeugt hat
  2.  In einem Interview macht Becker-Sohn Noah Werbung für sein Mode-Label und seine kommende musikalische Veröffentlichung
  3. Boris hat ganz schön viel Geld und kann sich die vielen Restaurants und Club merken, in denen er vor vielen Jahren gegessen und getanzt hat
  4. Der arme Boris wird von der Tochter eines ehemaligen Geschäftspartners, die er kennt, seit sie ein Kind ist, dafür ausgenutzt, ihr Karriere als Schmuckdesignerin anzukurbeln
  5. Boris lernt seine spätere zweite Frau kennen und weiß immer noch alle Namen sämtlicher involvierter Clubs, Restaurants und Hotels, die aber kein bisschen relevant für die Geschichte sind
  6. In einem Interview erzählt Boris‘ Ehefrau die gleiche Geschichte noch mal, die es schon in aller Länge im Kapitel zuvor zu lesen gab
  7. DAS große Thema, weswegen sich wohl die meisten Leser für das Buch interessieren: das Affärenkind. Allerdings hier nicht so viele Enthüllungen, man will ja die Privatsphäre schützen
  8. Boris legt seine gesamten geschäftlichen Tätigkeiten offen: 3 Autohäuser, Werbung. Was vergessen? Ach ja, internationales Netzwerk und Geheule, dass „die Marke Boris Becker“ in Deutschland nicht mehr so hoch geschätzt wird wie beispielsweise im tollen England. Dazu immer schön die Werbepartner erwähnen
  9. Zum Runterkommen mal ein langweiliges Kapitel einstreuen, über eine Finca auf Mallorca. Viel Amtsdeutsch benutzen, wirkt schlau
  10. Obligatorisches Kapitel zum Thema Tennis. Die Legende erzählt, wie’s gemacht wird, damit Deutschland bald wieder einen Boris Becker feiern kann
  11. Noch kurz ein paar Verletzungen aufzählen, mit denen der millionenschwere Herr Becker sich nach seiner preisgeldreichen Karriere rumschlagen muss
  12. Schnell noch ein „Becker-Lexikon“, aber keine Angst: Hat nur 6 Einträge
  13. Autor und Autor sagen allen „Danke!“, die sie kennen
  14. Bildteil, nachdem schon im Buch selbst auf jeder zweiten Seite ein Bild zu sehen ist
  15. Zum Beweis, dass da ganz schön viele Namen in dem Buch erwähnt wurden, zum Abschluss ein Index

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit der Kritik an diesem Buch. Grundsätzlich: Es ist einfach nur schlecht. Es ist demnächst unaktuell (weil dauernd Zeitangaben gemacht werden, die sich auf „dieses Jahr“ oder „nächstes Jahr“ beziehen), es ist faktisch falsch (Deutschland ist nicht U17-, U19- und U21-Weltmeister im Fußball geworden), es ist unlogisch („Becker-Hecht: […] Dabei, so belegen es Fotos aus dieser Zeit, hob Becker die Schwerkraft förmlich auf und lag, in ganzer Körperlänge, voll in der Luft.“ – wirklich? Er liegt auf einem Foto in der Luft? Oder hat nicht vielleicht ein Fotograf zur rechten Zeit auf den Auslöser gedrückt?). Es ist das Transkript eines dümmlichen Dialogs zwischen Becker und Thomas Gottschalk bei „Wetten dass…?“ enthalten, als ersterer die Verlobung mit seiner jetzigen Frau bekanntgab, ein englisches Zitat, das nicht für Nicht-Englischsprecher übersetzt wurde, eine total bescheuerte Interview-Frage an Sharlely Becker („Lilly, Sie haben einige Tattoos. Was ’sticht‘ dahinter?“) und die überraschende Feststellung, dass Becker bei seiner Trauung gut angezogen war („Alle trugen wir feinsten Zwirn.“). Dazu kommen passagenweise simpel gestrickte Sätze, und das, obwohl Becker das Buch offensichtlich nicht selbst geschrieben, sondern eine boulevard-erprobten Co-Autor beauftragt hat.

Ich kann gar nicht mehr aufhören, das aufzulisten, was schrecklich an diesem Buch ist, und weit mehr als einmal musste ich mir vor Fremdschämen die Hand an die Stirn schlagen. Das Problem ist: Als alter Sport- und vor allem Tennisfan mochte ich Boris Becker lange für das, was er für den deutschen Tennis getan hat (auch wenn ich eher mit Karsten Braasch gehalten habe). Wohl deshalb habe ich das Buch überhaupt zu lesen begonnen. Seit einiger Zeit zerstört Becker aber dieses Denkmal mit aller Gewalt. Seine schwangere Frau betrügen, sich permanent von Frauen ausnutzen lassen, dauernd wegen Nichtigkeiten in den Medien erscheinen – so sieht Becker heute aus. Dazu kommt eine ekelhafte Arroganz, die kaum zu ertragen ist. Natürlich, Becker war mal die Nummer 1 im Herrentennis und hat viele Turniere gewonnen. Aber das haben viele andere auch und bilden nicht nicht viele Jahre danach so viel darauf ein.

Das Schlimmste ist, dass Menschen dieses Buch kaufen und sich Erkenntnisse über Boris Becker erhoffen, die es aber nicht darin zu lesen gibt. Stattdessen ist es eine reine Zeitverschwendung, die Weisheiten eines Mannes zu konsumieren, der gar keine hat, und über eine Erfolgsgeschichte zu lesen, die vor vielen Jahren geendet hat und seitdem künstlich in die Länge gezogen wird. Wenn man mich fragt: Becker muss sich – nicht zuletzt wegen dieses Buches – nicht wundern, dass er in Deutschland nicht mehr beliebt ist – auch wenn er natürlich eine ganz andere Erklärung dafür hat. Stichwort: Die bösen Anderen sind schuld.

Advertisements

Eine Antwort to “„Das Leben ist kein Spiel“ von Boris Beckers (Ghost-)Writer”

  1. Miss Booleana 21. Oktober 2013 um 19:17 #

    Oha – ganz schöne Abrechnung. Glaube, ich hätte es nicht fertig gebracht dieses Buch zu Ende zu lesen. Sehr schöne abschließende Worte … Stichwort Weisheit. XD

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: